Wir kamen in das Ristaurante, wo wir schon lange nicht mehr waren. Ein sehr kleines Lokal, italienisch, nicht überladen, eng aber gemütlich. Unsere Freunde hatten es ausgesucht. Es war ziemlich voll, aber wir hatten ja einen Tisch bestellt, der uns nicht sofort auffiel.
Setzen Sie sich, wo sie wollen, sagte er uns und bedeutete dies mit einem kleinen Schulterzucken und einer sparsamen Handbewegung. Giorgio geleitete uns zu schließlich zu einem Sechsertisch, obwohl wir nur viert waren. Irgendwann nahm er die überzähligen Teller und Gläser an sich. Alles geschah wie nebenbei. Jetzt war es unser Tisch.
Giorgio war ein ziemlich langer Italiener, so um die 60, mit einer sparsamen fast eleganten Körpersprache.
Nachdem wir Wein und Bier bestellten, kam er nach einer gewissen Zeit und servierte. Er stellte jedes Glas, zwei Pilsgläser und ein größeres bauchiges volumigeres Landbierglas und mein Weißweinglas auf den Tisch. Alles mit einem fast nicht wahrnehmbaren dumpfen Plumps. Sie landeten so plan auf dem Tisch, dass sie nicht holpernd von einer zur anderen Glaskante standfest auf dem Tisch landeten. Dies gelang ihm so gerade, wie wenn man in einer Show mit einem Riesenbagger ein kleines Glas hundertprozentig exakt, als wenn man dafür Punkte verteilt bekäme. Dieser Mann wusste was er tat; alles mit einer zurückgenommenen Selbstverständlichkeit. Keine Nuance seiner Bewegungen war zu viel. So ging er auch.
Beim Servieren des Essens das Gleiche. Mit einer minimalen Bewegung drehte er die Teller bei jedem Gast. Die Optik perfekt. Obwohl selbst nicht Chef, was er mal nebenbei erwähnte – es waren seine (!) Gäste.
Vor unserem Aufbruch, bei der Abrechnung fragte er ob er die Rechnung teilen solle, oder wir zusammen bezahlen wollten. Geteilt nach Paaren war unsere Entscheidung. Er kam dann mit dem Kassenausdruck für alle und einem kleinen Handrechner. Dies hatte ich noch nie gesehen, denn die Kellner kommen dann normalerweise mit einem Kuli und teilten die Rechnung auf oder machen alles im Kopf. Er nicht. Er tippte auf Nachfrage die jeweiligen Gerichte und Getränke in sein Ding.
Unser Freundespaar, bzw. Gabi, bezahlte. Dann, so erwartete ich, hätte er uns für den Rest zur Zahlung aufgefordert. Nein, er tippte wieder alle einzelnen Beträge für uns, die wir verzehrt und getrunken hatten, in seinen Rechner.
Schließlich wurden wir von ihm jeder entweder mit einem freundschaftlichen Blick oder einem kleinen, bei den Männern, unaufdringlichen Klaps verabschiedet.
Draußen, nach einigen Minuten vor den Autos, fiel auf, als unser Freundespaar noch mal nachdachte, ob sie alles bezahlt hätten – Gabi hatte bezahlt – Udo war aber nicht dabei. Er hatte nicht alles erfasst. Das einfachste für Giorgio wäre gewesen die Einzelsummen mit der Gesamtsumme des Kassenbons zu vergleichen. Hatte er nicht gemacht.
Er hatte keinen Zweifel was er tat.